Blick ins Buch

Bunt ist meine Lieblingsfarbe – Walter Gropius

Dieses Büchlein haben wir nie so geplant

Wir verdanken es einer Verkettung von Umständen – und letztlich einem Fehler. Alles begann auf einer Messe in Norditalien. Bertram entdeckte den Stand einer kleinen Leinenweberei aus Spanien. Die fertigt Stoffstreifen in individuellen Designs in relativ überschaubaren Abnahmemengen. Nun muss man wissen, dass wir immer auf der Suche sind nach neuen, extravaganten Materialien, die in der grafischen Industrie ansonsten nicht zum Einsatz kommen, um Sie zum Staunen zu bringen und Ihre Buchbegeisterung anzufachen. Oft scheitern unsere Materialträume an unglaublichen Mindestabnahmemengen.

Bertram nahm etwas von dem festen Leinengewebe mit. Wir haben schubladenweise Muster. Traum-Materialien für die nächsten tausend Bücher. Dann kam die Idee, solche Leinenstreifen in regenbogenbunt für Freistil 5 – Das Buch der Illustratoren weben und dann auf den Einband kleben zu lassen. In Spanien webten sie ellenlange regenbogenbunte Bahnen, die Buchbindereimesser in Ulm konnten die nicht zuschneiden. Die schweren Rollen gingen zurück nach Spanien.

Dann kam der Anruf – und ein folgenschwerer Fehler

Auf welche genaue Länge wir denn die Streifen nun zugeschnitten haben wollten, fragten die Spanier – und eine extrem zuverlässige Mitarbeiterin schaute im Produktdatenblatt für den Titel. Nun geht in der Buchproduktion ja alles vom Druckbogen aus, also steht in den technischen Angaben für ein Buch die Höhe des Buchblocks und nicht die des über den Buchblock oben und unten zwei bis drei Millimeter herausragenden Hardcovers. Und dieses Maß wurde uns zum Verhängnis.

Als die ersten 2.000 Streifen für die ersten 2.000 Bücher geschnitten waren, schickte Spanien die schon mal nach Ulm. Ulm brachte Sie auf das Hardcover auf und sandte uns das Produktionsfreigabeexemplar. Nun hatte das schicke Hardcover aufgeklebte Leinenstreifen, die endeten aber nicht mit dem Bucheinband, sondern jeweils knapp vier Millimeter zu früh – und das sah einfach schrecklich aus. »Das ist nicht Schmidt«. Das war klar. Schnelle Info nach Spanien: Stopp! Andere Länge bitte. Und die Webmaschinen bitte nochmal anwerfen. Nachproduzieren.

2.000 Leinenstreifen und ein Cappuccino mit Sahne

Manchmal sollte man das Büro verlassen. Bertram und ich gingen in ein Oma-Café und bestellten aus Frust wirklich Cappuccino mit Sahne. Machen wir sonst nie. Irgendwie soll das ja gegen Frust helfen. Was wäre, wenn wir einfach ein kleines, im Format passendes Paperblank fertigen, Auflage 2.000, und die Streifen da drumherum kleben? Dann wäre das ein kleiner Buch-Bruder. Ein Skizzen- oder Notizbuch zu Freistil …

Keine Fehler zu machen kann ein Zeichen von Meisterschaft sein, aber auch ein Symptom gelebter Mutlosigkeit

Rückblickend zeigt uns dieser Tag mit den zu kurz geschnittenen Leinenstreifen, was gelebte Fehlerkultur bei Schmidt heißt. Wir alle haben gelernt. Niemand bekam die Schuld in die Schuhe geschoben. Wir haben neu gedacht. Vom Problem zur Chance. Wir haben die Geschichte mit den zu kurzen Streifen vielen Studierenden und Gestaltungsprofis erzählt. Weil das eben den wenigsten bewusst ist, dass zwischen Buchblockmaßen und Einbandmaßen eine Differenz bestehen kann. Und wir haben anfangs eine Geschichte erfunden: Das Skizzenbuch zum Buch der Illustration.

Seit elf Jahren führt nun das »Abfallprodukt« ein erfolgreiches Eigenleben in der inzwischen siebten Ausgabe, während das eigentliche Buch beinahe vergessen ist. Es ist aber noch erhältlich. Und passt überraschend gut zu Ihrem Lieblings-Notizbuch …

Kreativ sein heißt, manchmal Fehler machen, mal in Sackgassen landen oder scheitern – es kommt nicht darauf an, das zu vermeiden, sondern darauf, was man daraus macht!

Ach ja: Zur Buchmesse haben wir uns dann alle Espadrilles machen lassen. Mit eben genau diesem Regenbogenmuster. Denn das ist der eigentliche Einsatz, für den die spanische Manufaktur die Streifen webt. War sehr lustig. Und sehr bequem. Und alle anderen Standbesetzungen haben uns beneidet.

Und dann wurde der Regenbogen zum Zeichen von Toleranz und Vielfalt, der Pride-Month nahm Fahrt auf. Und das Büchlein bekam eine gesellschaftspolitische Aussage. Das war nicht geplant. Wir produzieren aber gerne in dieser Mission noch öfter nach. Weil Kreativität nur in einer offenen und toleranten, vielfältigen Gesellschaft gedeiht. Und weil wir finden, das wer wen liebt und wie sich wer definiert immer nur diejenigen angeht, die es betrifft. Und das ist nicht der Staat (und auch nicht die Bundestagspräsidentin)!

Zu Ausstattung und Gestaltung

Bunt ist meine Lieblingsfarbe
Ein Skizzen- und Notizenbuch
7. Ausgabe
160 leere Seiten voluminöses Naturpapier, ideal zum Zeichnen, Skizzieren und Schreiben
Format 11,3 x 16,5 cm
Foliengeprägte Schweizer Broschur mit offenem Rücken und dementsprechend gutem Aufschlagverhalten
Gebunden in regenbogenbuntes, robustes Espadrilles-Leinen aus einer spanischen Weberei-Manufaktur

Sie können das Buch hier im Shop, in Ihrer Lieblingsbuchhandlung oder online auf genialokal.de bestellen.

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